75 Jahre Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. (1948-2023)

„Es ist nicht Schule drin,
wo Schule draufsteht“

Ein Gespräch mit Matthias Pöhlmann

Was haben Alternativschulen mit Verschwörungsideologien zu tun?

Inhaltlich zunächst einmal nichts. Privatschulen müssen durch die Behörden genehmigt werden. Sie unterliegen damit der staatlichen Aufsicht.

Mit der Pandemie sind die Ressentiments gegenüber dem herkömmlichen Schulsystem und der angeblichen „Zentralisierung der Bildungsmacht“ deutlich gewachsen. Hinzu kommen die eher ernüchternden Ergebnisse der Ende 2023 vorgestellten PISA-Studie, wonach deutsche Schülerinnen und Schüler noch nie so schlecht abschnitten. Der Ruf nach einer Bildungswende wird laut. Die gravierenden wie alarmierenden Ereignisse der vergangenen Jahre in der Postcorona-Zeit befeuern die Suche nach alternativen Lernformen. Verbunden damit sind bei einzelnen Akteuren auch staatsfeindliche, wissenschaftsfeindliche, verschwörungsideologische sowie rechtsesoterische Überzeugungen. So kam es wiederholt zu illegalen Schulgründungen: Im September 2021 wurde eine illegale Schule auf einem zuvor lange verlassenen Hof bei Deutelhausen in der Gemeinde Schechen im Kreis Rosenheim polizeilich geschlossen. Bei der Gründerin und Betreiberin handelte es sich Presseberichten zufolge um eine verbeamtete Lehrerin an einer oberbayerischen Grund- und Mittelschule. Sie war dort jedoch schon seit längerem krankgeschrieben. Als Unterrichtende waren an der von der Aufsichtsbehörde nicht genehmigten Schule neben Kräuterpädagogen und Schamanen auch Lehrer tätig, die „aus dem System“ ausgestiegen seien und in die Gedankenwelt von Querdenkern und Reichsbürgern abgedriftet seien. Die Schechener „Schule“ mit 50 SchülerInnen berief sich auf eine Stiftung nach russischem Recht. Außerdem liege sie angeblich auch auf russischem Territorium. Anderes Beispiel: In Atzldorf im Kreis Freyung-Grafenau sollte 2022 eine „Bewegte Naturschule“ entstehen. Zu ihren ideellen Unterstützern zählte u.a. auch ein Reichsbürger, der an dem geplanten Staatstreich von Heinrich XIII, Prinz Reuß beteiligt war.

Hat sich die Freilernerszene durch die Pandemie verändert?

In der Tat. Zunächst: Die sog. Freilerner-Szene ist sehr heterogen. Vertreterinnen und Vertreter sind davon überzeugt, dass Kinder in eigener Verantwortung lernen sollten. Auch die Motivlagen sind unterschiedlich. So wird häufig das Individualrecht der Kinder auf selbstbestimmte Bildung betont. Das Spektrum reicht vom elterlichen Hoheitsanspruch über Bildungsräume des Kindes über die Vorstellung eines avantgardistischen Modellprojektes, um eine fortschrittlichere Kultur zu erschaffen, bis hin zu elterlichen Krisenbiografien bzw. deren Erfahrungen des Scheiterns im herkömmlichen Schulsystem. Seit der Corona-Pandemie lassen sich verschiedene weltanschauliche Akteure beobachten, die die Freilerner-Bewegung zu infiltrieren und zu instrumentalisieren suchen.

Was versteht man unter der Schetinin-Pädagogik oder unter einer Lais-Schule? Warum sind diese Schulformen problematisch?

Die Selbstbezeichnung „Lais-Schule“ ist irreführend. Es ist nicht Schule drin, wo Schule draufsteht. Es handelt sich bei diesem ursprünglich aus Österreich stammenden Konzept um keine „Schule“, sondern um Lerngruppen. Bereits seit 2011 tauchte in Deutschland der Begriff Laising auf, der angeblich aus dem Gotischen stammt und bedeuten soll: Natürliches Lernen. Beim „Laising“ wurden Einflüsse der Esoterik sowie der umstrittenen Anastasia-Bewegung erkennbar, wonach Kinder bereits das gesamte Wissen in sich trügen. Inzwischen ist das Laising-Konzept so gut wie verschwunden. Doch es gibt noch weitere Anbieter, so zum Beispiel die Schetinin-Pädagogik. Die von Michail Petrowitsch Schetinen gegründete Schule existierte bis 2019. Sie wird auch in der umstrittenen, ursprünglich auf Russisch erschienenen Anastasia-Buchreihe erwähnt. Kritiker bemängelten den militärischen Drill bei dieser Schule und den viel zu langen Tagesablauf für die Kinder. Zeit für freies Spiel war nicht vorgesehen. In Weilheim/Oberbayern existiert die Postfachadresse der Internationalen Schul-, Sport- und Kultur-Akademie (ISKA), die mit dem Slogan wirbt: „Bildung der neuen Zeit“. Sie hat das Ziel, die Schetinin-Pädagogik im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Unübersehbar ist eine Nähe zum Putinismus: Im Selbstvorstellungsprospekt finden sich lobende Wort von Wladmir Putin wie auch von russischen Militärs, die darauf hinweisen, dass Absolventen dieser Schule später hochrangige Positionen im russischen Militär bekleiden würden. Ein weiterer wichtiger Akteur ist der österreichische Gedächtnistrainer und Zauberkünstler Ricardo Leppe, der die Initiative „WissenSchafftFreiheit“ ins Leben gerufen hat. Er selbst empfiehlt die Anastasia-Buchreihe wie auch die antisemitische, höchst problematische Germanische Neue Medizin bei einem Telegram-Kanal mit immerhin 41.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Was genau passiert an solchen Schulen?

Das ist unterschiedlich. In der illegalen Schule in Schechen bei Rosenheim unterrichteten u.a. Kräuterpädagogen und Schamanen. Es handelt sich meist um pädagogisch nicht ausgebildetes Personal, und die Lerninhalte sind dann oft ebenso fragwürdig. Problematisch sind jedoch auch die Einflussversuche auf die Szene der Freilerner. Leppe empfiehlt für Deutschland, wo allgemeine Schulpflicht besteht, die Einrichtung von „Lerngruppen“. Er wendet sich massiv gegen die staatliche Zentralisierung der Bildung und untermauert dies mit Verschwörungstheorien. Schüler sollten maximal zwei bis drei Stunden pro Tag und anschließend in Kunst, Musik und Sport unterrichtet werden. Letztlich wird eine Doppelstrategie verfolgt: Besuch der staatlichen Schule (weil man muss) und anschließend die Vermittlung von „speziellem Wissen“ (u.a. auch natürliches Leben nach Anastasia und gegen Impfungen) in „Lerngruppen“. Mittlerweile haben sich mehrere Lerngruppen in den Bundesländern gebildet.

Welche Anzeichen gibt es, dass mit einer Schule oder einer Bildungseinrichtung etwas nicht stimmt? Wie kann ich das erkennen?

Zunächst ist zu prüfen: Ist es eine genehmigte Schule? Welche Lerninhalte sollen vermittelt werden? Wer ist der Anbieter? Insbesondere bei Lerngruppen gilt es, genauer hinzuschauen: Welches pädagogische Konzept wird verbreitet? Wird Wissenschaft abgelehnt, werden Verschwörungstheorien verbreitet? Im Zweifelsfall ist es ratsam, sich an die Schulaufsicht oder an eine Beratungsstelle zu wenden.

Dr. Matthias Pöhlmann ist Weltanschauungsbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Lehrbeauftragter für Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seiner Tätigkeit als Weltanschauungsbeauftragter berät er zum Thema Sekten und Psychogruppen. Auch verschwörungsideologisches Denken ist für die Menschen, die zu ihm in die Beratung kommen, immer wieder ein Thema. Über die Ergebnisse seiner aktuellen Recherchen hat er das Buch Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen (2021, Herder) geschrieben.

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